Politik der Verbreitung: Was Covid-19 über unsere Identität verrät

Während der vergangenen Monate hat Covid-19 uns viele Dinge gelehrt, die unseren Blick auf die Welt zukünftig verändern können. Unsere Haltung gegenüber China, Black Swan-Ereignissen, hoffentlich die Einstellung zu Hygiene für einige Menschen… Dringend benötigtes Wissen. Die neueste Erkenntnis verbirgt sich in der Art wie wir Informationen verarbeiten und Strategien entwickeln. Jeden Tag sind die Parlamente, die Straßen und die Kommentarspalten von Clickbait-Artikeln auf Facebook voll mit konkurrierenden Ansätzen, das Virus zu bekämpfen. Während alle Philosophen unserer Zeit sicherlich sehr gut über die Theorien informiert sind, beschimpfen sie sich zärtlich, ihre Perspektiven so unterschiedlich, dass sie kaum möglich auf der gleichen Realität basieren können. Oder doch? Möglicherweise zeigt uns das Corona-Virus, dass wir nicht alle dieselbe Pandemie durchleben und nicht alle in derselben Welt leben.

In meinem vorherigen Artikel habe ich versucht darzustellen, dass die Berechenbarkeit hinsichtlich anzuwendender Strategien drastisch voneinander abweichen kann, je nachdem aus welcher Perspektive wir die gesammelten Daten betrachten. Außerdem ist es nicht nur unsere Haltung zu Daten oder empirischem Wissen, welche sich auf unsere bevorzugten Strategien auswirken. Es kann ebenso gut unsere politische Identität sein. So kann man beispielsweise feststellen, dass die Konservativen diesem Virus mit einer eher entspannten Herangehensweise begegnen, wohingegen die Liberalen sich sehr besorgt zeigen. Liberale plädieren für strikte Lockdowns, von der Regierung durchgesetzte Regelungen und strake Intervention, Konservative dagegen tendieren zu eher moderaten Maßnahmen und der Idee der Herdenimmunität.

Das ist eher ungewöhnlich, da psychologische Erhebungen zeigen, dass die Konservativen üblicherweise diejenigen sind, die besorgter sind über Bedrohungen. Der gesellschaftliche Konservatismus, die Ablehnung Außenstehender und die Vorliebe für soziale Hierarchie sind weitreichend bekannt als hochentwickelte Krankheitsvermeidungsmechanismen. Warum scheinen die Konservativen nicht besonders bedroht zu fühlen durch diese globale Pandemie?

Forscher der Heterodox Akademie theoretisieren, ob es an umwelt- und umfeldbedingten Unterschieden, wie dass die am stärksten betroffenen Gebiete in den USA, die liberalen waren, liegen kann. Allerdings schien die Nähe des Virus wenig mit der bevorzugten politischen Herangehensweise in Zusammenhang zu stehen. Stattdessen zeigt ihre neueste Forschung, dass die konservative oder liberale Einstellung dazu führen kann, dass die Menschen das Virus in einem völlig anderen Licht sehen. Was ist der Hauptaspekt? Die Reaktion der Regierung.

Da Liberale grundsätzlich Regierungsinterventionen eher befürworten, liegt es für sie nahe, die Bedrohung durch ein Vergrößerungsglas zu betrachten, um ihre Überzeugungen zu validieren. Im Gegensatz dazu, lehnen Konservative eher ab, dass die Regierung ihnen sagt, was sie zu tun haben, deshalb entspricht es ihrem Instinkt, die Bedrohung zu verharmlosen. Unsere Strategieentwicklung ist dementsprechend nicht wirklich eine Reaktion auf die tatsächliche Bedrohung durch die Krankheit, sondern eher die bevorzugte Vision einer Realität, abgebildet durch die jeweilige ideologische Linse. Natürlich können wir nicht einer Meinung sein. Unsere bittere Spaltung bezieht sich nicht nur auf die Maßnahmen, sondern auf die „korrekte“ Weltsicht. Zum Entsetzen vieler Idealisten scheint Covis-19 letztendlich keine Einheit zu inspirieren. Möglicherweise treibt es die ideologische Uneinigkeit sogar weiter voran.

Original article: Public Policy of the Spread: What Covid-19 Reveals About our Identity

Translated by: Jacqueline Andreß

Titelfoto von Amaan Ali aus Unsplash